Liebe
Tochter,
irgendwann
wirst Du mich sicher fragen, wie das war, als Du geboren wurdest. Darum
möchte ich Dir gerne aufschreiben, wie ich Deine Geburt, die letzten
Wochen davor Tage davor und die ersten Tage und Wochen danach empfunden
habe.
Mit
Deinem Wunsch, so früh geboren zu werden - immerhin 3 Wochen und
1 Tag vor dem errechneten Termin - hast Du uns ja ziemlich überrascht.
Deine Hebamme, Anke, hat uns das zwar schon angedeutet, aber so
früh? Als Anke damals bei der Untersuchung am 21. Januar sagte,
oh prima, euer Kind hat sich schon gesenkt und wird wohl früher
kommen, da war das Wochenende um den 12. Februar zwar der früheste
Termin, mit dem wir rechnen konnten, aber natürlich hatten wir
gehofft, Du kämst doch erst so ab dem 20. Februar... Wir waren
noch gar nicht richtig auf Dein Kommen vorbereitet.
Ich
hatte eine recht problemlose Schwangerschaft mit Dir, von etwas
Sodbrennen und Magendrücken abgesehen, so dass ich bis zum 20.
Januar, also bis zum Beginn des Mutterschutzes ganz normal gearbeitet
habe. Und das sind normalerweise 6 Wochen vor der Geburt. Im Mutterschutz
wollten wir dann Dein Zimmer einrichten und uns auf Dich vorbereiten.
Die drei Wochen sind verflogen wie im Nu: Arzttermine, Schwangerenschwimmen,
Geburtsvorbereitungskurs, Großeinkauf bei IKEA, ein Besuch beim
Friseur, Informationen zum Windelservice, Wiegenhimmel-Nähen,
etwas Vorkochen, Großreinemachen und Fensterputzen (mit Hilfe
einer Putzfee), die Ecken aufräumen, die schon lange mal fällig
sind und so weiter. Und natürlich hatte ich mir auch noch etwas
Arbeit aus dem Büro mit nach Hause genommen... Da es ja normalerweise
6 Wochen sind, dachte ich, das alles ganz relaxed
zu schaffen, und vor allem auch die Muße zu haben, mich mit meinen
Gedanken und Gefühlen auf Dein Kommen einstellen zu können.
Aber
es sollte anders kommen: am Donnerstag, den 10. Februar, hatte ich in
der Nacht so gegen 2 Uhr das Gefühl, als ich auf der Toilette war, dass
sich da wohl der Schleimpfropf, der sonst die Gebärmutter verschließt,
gelöst hat. Ich war etwas unruhig, bin aber doch noch mal eingeschlafen.
So gegen 5 Uhr war ich mir sicher, da ich auf dem Klo zähen, leicht
blutigen Schleim bemerkte. Außerdem spürte ich ein leichtes Tröpfeln,
Fruchtwasser? Heute ist es also soweit, dachte ich, mit einem aufregenden,
leicht mulmigen Gefühl im Bauch. Jetzt konnte ich nicht mehr schlafen
und bin aufgestanden, ohne Deinen Papa gleich zu wecken, soll doch wenigstens
einer ausgeschlafen sein an Deinem Geburtstag...
Mir
schwirrten die Gedanken im Kopf: es war doch noch soviel zu erledigen,
in unserer Wohnung war es ziemlich chaotisch, meine "Geburtshaus-Tasche"
war noch nicht gepackt, für Dich fehlten noch so einige nützliche
Dinge (Windeln, Spucktücher etc.), unser Kühlschrank war leer,
die Wärmetampe über dem Wickeltisch noch nicht angebracht...
Als
ich Deinen Papa um 7 Uhr geweckt habe, hatte ich zumindest schon meine
Sachen fürs Geburtshaus zusammen und einen Schlachtplan ausgeheckt,
was wir mit welcher Dringlichkeit noch tun könnten/sollten, bis die
Wehen zu stark sind. Dein Papa war ziemlich überrascht und ich hatte
fast den Eindruck, er wollte mir nicht glauben. Ich hatte ja auch noch
keine Wehen, höchstens mal ein leichtes Ziehen im Bauch. So gegen halb
neun habe ich unsere Hebamme Anke aus dem Schlaf geklingelt, die mich
dann zu Dr. Haferburg in die Sprechstunde geschickt hat. Gegen elf Uhr
war ich dort - der CTG meldete noch keine Wehen (das hätte ich auch
sagen können), aber die Untersuchung ergab, dass ich wirklich Fruchtwasser
verlor (ein so genannter hoher Blasensprung) und dass sich der Muttermund
einen Zentimeter geöffnet hatte. Also sollte es heute soweit sein. Aber
auch Dr. Haferburg mahnte zur Geduld und bestellte mich erst zu 16 Uhr
zur nächsten Untersuchung wieder her...
Inzwischen
hat sich Dein Papa zur Apotheke und ins Fotogeschäft begeben,
wo er noch einen niegelnagelneuen Fotoapparat
erstanden hat, mit dem wir Deine Geburt fotografieren wollten.
Auch die Wärmelampe kam noch an ihren Platz. So ab Mittag fühlte
ich mich dann schon wesentlich unruhiger, und jetzt setzten auch
leichte Schmerzen ein, die wohl die Wehen sein mussten. Nichtsdestotrotz
haben wir uns noch zum Einkaufen aufgemacht. Da hatte ich langsam
das Gefühl, die Wehen werden heftiger und regelmäßiger - und als
Ralf auf einen Abstand von 3-5 Minuten kam, habe ich erneut Anke
angerufen. Aber sie tippte darauf, dass alles noch Vorgeplänkel
ist und wollte mich beruhigen "keine Angst, Dein Kind fällt
schon nicht heraus..." Natürlich hatte sie Recht. So gegen
halb vier sind wir dann im Geburtshaus bzw. bei Dr. Haferburg
gelandet.
Jetzt
war es also soweit, Wehen sind da (wenn auch noch nicht stark), der
Muttermund hat sich 2-3 Zentimeter geöffnet (so wenig erst?,
ich war ziemlich enttäuscht - schließlich müssen es ca. neun Zentimeter
werden!). Anke hat Dich auf dem Ultraschall ein letztes Mal vermessen
und geschätzt, dass Du mit ca. 3050 g auf die Welt kommen würdest. Und
dann hat sie uns noch mal spazieren geschickt - nicht unbedingt ein
Vergnügen mit Wehen, kann ich Dir sagen. Wir sind bis zur Galeria
gelaufen, wo wir noch Kaffee getrunken und Kuchen gegessen haben - besser
gesagt, Dein Papa hat Kaffee und Kuchen gehabt, mir war schon der Espresso
fast zuviel, an Kuchen nicht zu denken. Auch bin ich die halbe Zeit
eher durch die Gänge getigert, denn es war doch schon recht ungemütlich
mit den Wehen.
Vom
Spaziergang zurück, war ich froh, in die Badewanne zu gehen und
mich endlich auf die Geburt konzentrieren zu können. Mit dem Papa
habe ich viele "A" und "O" geatmet und fühlte
mich dabei auch ganz gut. Das Atmen mit den Tönen hat mir wirklich
gut geholfen. Und von da an begann für mich so ein zeitloser Zustand,
und ich kann gar nicht mehr genau sagen, wie die Stunden bis zu
Deiner Geburt letztlich vergangen sind. Ich habe einige Positionen
ausprobiert, aber eigentlich fand ich es in der Badewanne am angenehmsten.
Zwischendurch gab es zweimal CTG, um zu sehen ob mit Dir alles
ok ist - Deine Herztöne waren aber gut.
Die Wehen wurden anstrengender und mir war langsam klar, warum
Anke um 14 Uhr noch sagte, dass die Kinder nicht so schnell kommen
- richtige Wehen sind einfach ganz anders als das, was ich am
frühen Nachmittag als Wehen bezeichnet habe! Gegen zehn Uhr hatte
ich dann das Gefühl, ich kann nicht mehr (das Gefühl hat wohl
jede Frau irgendwann), und Anke hat mir eine Spritze gegeben (Buscopan),
die mir das Ganze etwas erleichtern sollte, denn der Muttermund
öffnete sich nur ganz ganz langsam (Frust),
und mich noch mal in die Badewanne geschickt.
Das
zweite Mal baden hat mir auch sehr gut getan und mit der Geburt ging
es nun endlich voran (7-8 Zentimeter Öffnung des Muttermunds). Langsam
hatte ich aber auch wirklich keine Lust mehr und war schon sehr erschöpft.
Ich musste mich sogar noch übergeben, aber das gehört manchmal dazu,
wie wir im Geburtsvorbereitungskurs gelernt haben. Und dann ging in
meiner Erinnerung altes ganz schnell - obwohl es immer noch einige Zeit
gedauert hat, bis Du endlich geboren warst. Anke hat mich zum Pressen
ermutigt. Ich habe mich sehr angestrengt, aber von dem unwiderstehlichen
Pressdrang, der überall beschrieben wird, habe ich nicht viel gemerkt.
Auch dachte ich, nach 2-3 Presswehen müsstest Du da sein. Aber ich habe
noch eine ganze Weile gepresst, bis Dein Köpfchen endlich zu spüren
war. Dein Papa meint, dass ich die Wehenverstärkende Spritze, die Anke
mir geben wollte, aber abgelehnt habe (vielleicht, weil ich nicht noch
mehr stärkere Wehen ertragen wollte?) - daran konnte ich mich zum Beispiel
hinterher überhaupt nicht mehr erinnern. Und so kamst Du dann auch erst
am Freitag zur Welt, am 11. Februar um 0 Uhr 18. Und das auch erst,
nachdem sich Dr. Haferburg mit aller Kraft auf meinen Bauch geworfen
hat, um Dich mit rauszupressen (aber das hat gar nicht mehr zusätzlich
wehgetan, weil mir in dem Moment sowieso alles wehtat).
Und
dann warst Du auf einmal da. Ein kleines Mädchen - das hat uns überrascht,
da alle Welt spekuliert hat, wir würden bestimmt einen Jungen bekommen.
Wir wollten es aber vorher nicht wissen, und uns wäre auch beides gleich
lieb gewesen. Unsere kleine Nora. Pauline ist uns erst zwei Tage vorher
als zweiter Name eingefallen (hoffentlich bist Du mit unserer Namenswahl
zufrieden). Du warst gleich ein richtig hübsches Baby, auch wenn Du
ziemlich dick mit Käseschmiere bedeckt warst. Anke meinte auch, Du hättest
Dir ruhig noch drei bis vier Wochen im Bauch Zeit lassen können. Aber
ansonsten war alles dran an Dir, Du warst gesund. 51 Zentimeter warst
Du groß, 3080 Gramm schwer. Nach einer Oxytocin-Spritze
kam ziemlich schnell auch die Plazenta, und mit einem Stich wurde ein
kleiner Riss in der Scheide genäht. Zum Glück brauchte ich keinen Dammschnitt,
da bin ich sehr dankbar.
Ich
konnte es kaum glauben, dass jetzt wirklich alles vorbei war und dass
Du in meinen Armen lagst. Das war ziemlich aufregend. Irgendwann hast
Du dann auch angefangen, an meiner Brust zu saugen, und ich war wirklich
gerührt. Zugleich fühlte ich mich aber auch schon steinmüde. Schließlich
war ich seit kurz nach fünf Uhr morgens auf, und die Geburt war ja keine
Kleinigkeit. Als Du so gegen drei Uhr morgens angezogen warst, hätten
wir eigentlich nach Hause gehen können. Aber ich fühlte mich so müde
und auch noch etwas wackelig auf den Beinen, dass ich mich nicht mehr
rühren wollte. So haben wir alle noch ein paar Stunden im Geburtshaus
geschlafen und kamen dann so gegen halb acht zu Hause an.
Wir
haben den Tag verschlafen, etwas gegessen und auf den Kinderarzt
gewartet, der Dich begutachten sollte. Der kam dann erst abends,
und hatte auch nicht so gute Neuigkeiten für uns, denn er hat
uns doch noch ins Krankenhaus geschickt. Er hatte den Verdacht,
dass Du vielleicht eine Infektion haben könntest. Außerdem warst
Du ziemlich kalt (hätten wir Dich wärmer einpacken sollen?) und
hast auch gar nichts getrunken den ganzen Tag. Wir waren ziemlich
erschreckt und hatten uns gar nicht mehr darauf eingestellt, doch
noch ins Krankenhaus zu müssen. So um acht Uhr kamen wir dann
im Klinikum Steglitz an und landeten über die Notaufnahme in der
"Neonatologie", der Säuglingsintensiv-Station.
Du bekamst - auf Verdacht - Antibiotika und wurdest ins Wärmebett
gelegt. Wir waren ziemlich verzweifelt, weil wir gar nicht so
richtig wussten, was wir davon halten sollten. Auch hatten wir
nicht das Gefühl, dass Du eine Infektion hast - aber was sollten
wir tun? Zum Glück gab es Rooming-In,
und in der ersten Nacht ist auch Dein Papa mit im Krankenhaus
geblieben. Abgesehen von den Sorgen, die ich mir um Dich machte,
war ich ziemlich verzweifelt, weil die Situation im Krankenhaus
so ganz anders war, als das, was ich mir für unsere ersten gemeinsamen
Tage gewünscht habe. Auch wurde mir langsam klar, dass das wohl
nicht nur eine Stippvisite, sondern ein etwas längerer Aufenthalt
werden würde. Und so war es auch, denn am Sonntag kam noch Deine
Neugeborenen-Gelbsucht dazu. Und das war es letztlich, was uns,
von zwei kurzen Heimspielen abgesehen, bis zum 23.02. im Krankenhaus
festhielt. Denn eine Infektion hattest Du wirklich nicht.
Die
ganze Situation im Krankenhaus war ziemlich schwierig für mich. Ich
hatte das Gefühl, mich gar nicht richtig mit Dir vertraut machen zu
können. Es war kaum Ruhe, denn es war ja noch ein anderes Kind (mit
Mama) mit im Zimmer, dauernd kamen die Schwestern rein oder ich musste
zusehen, dass ich die Essenszeiten in der Cafeteria nicht verpasse.
Es gab irgendwie kein Stück Privatheit. Mit
dem Milcheinschuss und dem Stillen war es zu Anfang auch ein bisschen
schwierig bei dem ganzen Stress. Zumal Du nicht unbedingt wach genug
zum Saugen warst (eine Folge der Gelbsucht).
Mein
rettender Anker in dem ganzen Dilemma war, neben Deinem Papa natürlich,
unsere Hebamme Anke, die auch ins Krankenhaus kam und mich immer wieder
aufgemuntert hat. Im Vergleich war mir jetzt noch zehnmal klarer, warum
für mich die Entscheidung, Dich im Geburtshaus zur Welt zu bringen,
die richtige war. Die ganze Atmosphäre ist total anders. Und das nicht
nur, weil es einfach kuscheliger ist als ein Krankenhauszimmer. Hier
stand ich mit meinen Bedürfnissen wirklich im Mittelpunkt, es war eben
fast privat. Unsere Hebamme war die ganze Zeit nur für uns da. Sie blieb
dabei
im Hintergrund und war aber sofort zur Stelle, wenn wir sie brauchten.
Und zusammen mit Dr. Haferburg fühlte ich mich auch dort, ohne Hightech
sicher und gut aufgehoben. Anke war während der Geburt ein ruhender
Pol für mich, im "Strudel der Wehen", und hat immer zur richtigen
Zeit die richtigen Worte und Gesten gefunden (an dieser Stelle ein großes
DANKE).
So
war das also, mit Deiner Geburt und den ersten Tagen danach. Als wir
endlich zuhause waren, hast Du Dich ziemlich schnell gut rausgemacht
und warst nach vier Wochen schon 53 Zentimeter groß und 3470 Gramm
schwer. Langsam bekamst Du Pausbäckchen...
zurück